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João Ricardo de Barros Oliveira

Zitty, Berlin
Multitalent
Container sind meine Bibliotheken
João Ricardo de Barros Oliveira:
Musik-Sulpteur, Performer und Propagandist der direkten Aktion

Wenn der Besucher ihn verlässt, hat er manches Ressentiment gegenüber Lärm und Krach verloren. Die Grenzen zwischen extremem Klang und harmonie-gesättigter Musik liegen nicht fest. Vor allem dann nicht, wenn der Hörer immer neue Bezüge in der akustischen Welt entdeckt und an einem Spiel teilhaben kann, das so witzig wie tiefsinnig daherkommt.

Reiner Schweinfurth stellt einen kreativen Sonderfall vor.

Am Anfang war der Staubsauger. Der kleine Junge liegt eines Abends im Bett, da hört er auf einmal ein Brummen und Rauschen, das er so noch nicht kennt. Er springt auf, macht sich auf die Suche nach der obskuren Geräuschquelle und findet die Mutter, wie sie mit einem Gegenstand hantiert, den es bis dahin im Hause nicht gegeben hat. „Sie hat sonst immer mit dem Besen saubergemacht. Aber an diesem Tag bekam sie einen Staubsauger, wovon ich nichts wusste. Was da rauskam, hat mich total fasziniert. Es waren Symphonien, Gesänge, harmonischer Krach", so erinnert sich João Ricardo de Barros Oliveira an sein erstes, freudiges Erschrecken über die Welt als Klang. Die Lust auf Laute fand er bald an jedem Ort widergespiegelt. Mit Vorliebe am Meer. „Ich habe immer Töne gesehen, wenn Wellen die Steine am Strand umwälzten, wenn es knarrte und der Schaum schmatzend im Untergrund verschwand." Dabei blieb es nicht. Denn der Müll, der bei bestimmten Wetterlagen herangetrieben wurde, entzündete João Ricardos Phantasie zusätzlich. „Ich hab' die Teile neu arrangiert, bis in die Dünen verteilt und quasi eine Ausstellung gemacht für alle, die da vorbeikamen. Der Wind hat dann die Artefakte in Bewegung gebracht, ein neuer Sound entstand und es war ganz wunderbar." Doch den Leuten in der nordportugiesischen Kleinstadt Viana do Castelo blieb der Kerl, der da so merkwürdige Dinge anstellte, suspekt.
 
„Ich war viel allein. Die Poesie, die ich aus der Natur und den Gegenständen zugetragen bekam, interessierte die anderen nur wenig. Ich war bald als Verrückter verschrieen. Aber das war mir egal." Seine Aktionen stießen auf eine traditionell verfasste Umgebung und sorgten für Verwirrung und Kopfschütteln. So wenn er sich gegen Abend, während die Leute von der Arbeit zurückkamen, an die Straße stellte mit einem Schild, auf dem „Tokio" stand. Hätte jemand angehalten, wäre er eingestiegen und mitgefahren. Den Ernst wollte man ihm nicht abnehmen, die Kritik an der Engstirnigkeit des Kleinstadtlebens dagegen sehr wohl. Irgendwie brach mit solchen Witzen die Moderne ein, mit ihr das Unbehagen an einer Ästhetik, die nicht mehr auf idyllische Abbildungen setzte, sondern auf Parodie und assoziative Bezüge. „Man hat mich beschuldigt, dass ich Drogen nehme. Die verrückten Sachen, die ich mache, könnten nur unter so einem Einfluss zustande kommen. Das war Blödsinn. Man hat nicht kapiert, dass meine Droge die Kreativität ist." Er wollte gar kein spinnerter Künstlertyp sein und besteht darauf: „Ich bin wie alle." Doch in der Heimat war bald nichts mehr zu machen. „Die Leute dort interessierten sich nur für Wildwest und Porno."

Mit zwanzig nervte ihn das alles und los ging's. Nach New York, nach Frankreich, London steuerte er an. Und überall fand er Anschluss in der experimentellen Musik- und Performance-Szene. Seit über zehn Jahren lebt er in Berlin. Seine Wohnung der Kreuzberger Geibelstraße ist Schlafstätte, Materiallager, Werkstatt, Büro, Museum und Konzertsaal in einem.
Was er macht, ist im Prinzip ganz einfach. Gegenstände fallen ihm auf, meistens jene, mit denen niemand mehr etwas anfangen kann; die nimmt er mit nach Hause und baut daraus Gebilde, die auf den ersten Blick wie Ready-Made-Skulpturen aussehen. „Container sind meine Bibliotheken" meint er und erläutert die nie beendete Weiterentwicklung seines Klangwissens mittels Müll.

Ganz besondere Teile

Immer wieder findet er eine Bürste, eine Schelle, die Trümmer einer Tischschmuckvorrichtung, die Kühlschleife aus einer Zapfanlage, Autofedern, die Innereien eines Kugellagers, die er dann einfügt in schon vorhandene Plastiken oder neue damit beginnt. Es gibt buchstäblich nichts, was João Ricardo nicht gebrauchen könnte, wenn es ihm in den akustischen Kram passt. Seine objets traums sucht er entlang der Straße und an bestimmten Container-Abstellplätzen, wo er Penner, Schnorrer aber auch Liebhaber trifft, die wissen, dass es da von Zeit zu Zeit ganz besondere Teile zu ergattern gibt. „Trotzdem spielt der Instinkt eine große Rolle", sagt João. „Ich werde von solchen Plätzen manchmal richtig angezogen, weiß gar nicht, was mich da erwartet, spüre aber, dass da irgendetwas ist. Manchmal haue ich daneben, aber oft finde ich richtig tolle Sachen."

Interessant ist die Kombination aus traditionellen Musikinstrumenten und wie er sie umrüstet zu neuen Resonanz-Gebilden. Das Mundstück einer Klarinette baut er an ein langes Glasrohr und bläst es wie ein Didgeridoo. Zur Rest-Mechanik einer Trompete fügt er verschiedene Trichter an verschieden langen Schläuchen hinzu; die wiederum stopft er mit Kugeln, Bällen, Zylindern. Immer vernimmt der kleine Mann im Ohr etwas anderes. Oder er baut im Hintergrund einen Chor aus kleinen Spielzeughunden auf, die bellen und Saltos schlagen und vorne zelebriert er auf einem Saxophon elegische Hymnen. „Manche sagen, ich soll mir darauf Patente erteilen lassen. So ein Quatsch!" Seine Erfindungen schauen den Betrachter wie erstarrte Wesen aus einem Dali-Bild an. Das surreale Outfit der Objekte ist weniger gewollt als unvermeidlich, weil sie auf eine Klangfunktion hin zusammengestellt werden und deshalb trotz ihrer bizarren Gestalt genau kalkuliert sind.

Hört man nur Tonaufnahmen, scheint ein kompliziert programmierter Synthesizer am Werk zu sein, eine ausgefeilte Technik sorgt für die Reproduktion, und das digitale Zeitalter bringt sich vieltönig zu Gehör. Wer João dann spielen sieht, muss zugeben, dass alle Sounds unmittelbar entstehen, keine samples oder vocoder benötigen.

Unterhaltung mit dem Publikum

Zudem werden seine Inszenierungen von einem starken theatralischen Impuls gesteuert, dessen komödiantischer Auftrieb für den Performer genauso wichtig ist wie die Erzeugung von Musik. Das ist nicht unbedingt neu und hat sich in der Geschichte der Sound-Art mittlerweile als eigenes Genre etabliert. Aber die Ausschließlichkeit und die unbändige Spielfreude, mit der der portugiesische Tüftler und Spaßvogel es für sich definiert, macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung in der Szene. Das unlängst absolvierte Festival von Sonambiente gab den aktuellen Stand der Entwicklung wieder. Der portugiesische Multi-Instrumentalist hätte da exakt hineingepasst. Irgendwie haben die Organisatoren ihn da übersehen.

Es hängt wohl mit seinem starken Bedürfnis nach Unabhängigkeit zusammen, dass der Portugiese sich nur auf Minimum an Technik verlässt. Tonabnehmer, ein Verstärker und ein paar Boxen braucht er, um die Dynamik der Sounds auszuloten. Ist er ein Verfechter der totalen Improvisation? „Ich mag das Wort nicht so sehr. Einen Ablauf hab' ich immer im Kopf. Und die Geschichte ist ebenfalls vorhanden. Die Performance selber ist dann die Erzählung, über die ich mich mit dem Publikum unterhalte."

Tag der offenen Tür im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. In einem der großen Seiten-Foyers, dem Beethoven-Saal, hat João Ricardo seine Musik-Skulpturen aufgestellt. Die Besucher, die ansonsten nur mit klugen Vorträgen durch die noblen Gemächer geführt werden, den schönen Kompositionen der klassischen Musik gelauscht haben, glauben, sich verirrt zu haben. Da springt ein Kerl im knallroten Anzug, mit einer schwarzen Wischfeudelperücke auf dem Kopf durch den Raum. Nach und nach drehen tiefe Frequenzen ihre Schleifen über den Köpfen; wie ein post-moderner Kapellmeister Kreisler streicht der Künstler mit einem Geigenbogen über ein Stahlseil, bedient mit Schlagstöcken das ausgebaute Glockenwerk einer längst in den ewigen Jagdgründen weilenden Standuhr, ein Mobile aus Nägeln tupft helle, silbrige Percussion ins Trommelfell. Während die Erwachsenen zunächst grinsend dem Spektakel beiwohnen, haben die Kinder sofort begriffen, was hier passiert. Und gehen selbst an die Installationen. Die Eltern fassen bald Mut und nach wenigen Minuten sieht man eine neugierige Schar von Menschen, die lachen und rätseln, woher denn die einzelnen Bestandteile der „komischen" Instrumente wohl herstammen. Die strenge, klassizistische Atmosphäre des Musentempels weicht. Und für eine halbe Stunde werden die Besucher in eine andere Welt entrückt.

Heilsamer Höhepunkt

Humor kann und will der Sound-Artist Ricardo gar nicht vermeiden. In seiner ausgeführten Philosophie der „action directe" geschehen so viele unvorhersehbare Dinge, dass der freie Zugang auf das, was er „No-Sense-Poetry" nennt, zwangsläufig skurrile Facetten ausfällt. Über das Lachen beteiligt er die Menschen ganz mühelos an seinen Shows. Das hat etwas Ansteckendes; wenn der Funke überspringt, entzieht der Hörer-Zuschauer sich der Heiterkeit nur ungern. Im übrigen meint er: „Jeder ist kreativ"; was gelegentlich als wohlfeile Wiederholung Beuys'scher Spruchweisheit daherkommt, gewinnt bei diesen Spiel-Instrumenten seinen Sinn wieder. Denn um Ricardos neue Klangpotentiometer zu bedienen, muss niemand Unterricht nehmen oder eine Komposition studieren. Dem Anarchismus eines Picasso oder Pablo Neruda fühlt sich João nahe. Ein unangestrengter, aber intensiver Schaffensdrang treibt ihn an. „Musik und Leben haben eine synästhetische Verbindung miteinander", sagt er, „wir sind aber oft so durcheinander, dass wir das nicht mehr merken. Teil meiner Verantwortung ist es, mit der Arbeit diese Verwirrung zu verringern." Indem er sie manchmal zu einem heilsamen Höhepunkt bringt, wo der Zuschauer sich neu orientieren kann oder entrüstet schon vorher ausgestiegen ist.


Dazu findet er immer wieder Gelegenheit. Ob es die Arbeit in einer psychiatrischen Anstalt ist, Auftritte bei der internationalen Kunstbiennale in Lissabon, im Pyramid-Club in New York, im Rundfunk, ein Konzert mit Bob Rutman vom Steel-Cello-Ensemble - überall demonstriert er seine Überzeugung, „dass Musik immer schon da ist. Man muss ihr nur zu Klang verhelfen."
Besondere Fähigkeiten hat er bei Kindern entdeckt, die er in musikalischen Projekten ganz selbstverständlich zu unverhofften Avantgarde-Künstlern macht: „Sie sind sofort dabei und kombinieren Gegenstände, an die ich nie gedacht hätte." Im Haus der Kulturen der Welt gab er im letzten Jahr mit einer solchen Nachwuchs-Kunst-Gang ein Konzert, das Eltern und Besucher begeisterte. Das Stück hieß „Die verlorene Schraube im Staubsauger" und widerlegte das Vorurteil, avancierte, experimentelle Ästhetik könne nur von Duchamps-Spezialisten richtig genossen werden.

Den gewählten Diskurs über Kunst will er nicht bedienen. Sein Credo ist die „Action directe", nicht lange fackeln, den Einfall so schnell wie möglich auf seine Verwirklichung hin prüfen und sich von den Ereignissen leiten lassen. Seine Grundsätze formuliert er einfach: „Seit ich denken kann, hab' ich eine Aversion gegen Ausbeutung, Rassismus und Unterdrückung. Ich brauche kein politisches Programm, um mir das zu erklären. Im Bereich der experimentellen Musik gibt es zudem keine Dogmen und eigentlich keine Stars. Die Arbeit ergibt sich aus einer Neugier, der man nur folgen muss. Ich bin wie ein offenes Fenster, wo alles reinkommt. Die Ideen entstehen dann von allein."

Konzert für 50 Staubsauger

João Ricardo versteht sich als Komponist ohne Papier, der als Musik-Skulpteur im schwingenden Kosmos aus fast allen sinnlichen Wahrnehmungsweisen Mutationen herstellt. „Ich bin dabei ein Observateur und werde bei der Performance gleichzeitig beobachtet. Die daraus entstehende Beziehung organisiert sich selbst." Und dann erzählt er von einem Müll-Discjockey, der Eimer mit Unrat und Lautsprechern füllt, die er an CD-Player, Kassettenrecorder, Radios anschließen will. Aus den Behältern sollen dann Sound-Mischungen herausquellen, wie es sie in dieser Zusammenstellung noch nicht gegeben hat. Das ganz reale Chaos, in dem sich aber jeder zurechtfinden kann - er muss nur genau hinhören. Und welcher Musik lauscht er, wenn er sie nicht gerade selber produziert? „Ich habe zur Zeit eine Kassette mit Bob Dylan drauf und eine mit chinesischer Volksmusik".

Ein Traum von ihm ist, eines Tages mit einem richtigen Orchester zu arbeiten, ?am besten in der Philharmonie mit Claudio Abbado. Die Musiker würden 50 Staubsauger in die Hand bekommen, erst mal richtig sauber machen, und dann mit den Geräten wie üblich ein Konzert geben. Das würde mir gefallen."
Übernehmen Sie, Maestro Abbado!
Reiner Schweinfurth, 1996

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